Hüfners Wochenkommentar: Neue Regeln für Euroland?
Posted by Börse Frankfurt • Friday, March 12. 2010 • Category: Forex
12. März 2010. FRANKFURT (Börse Frankfurt). Für die einen ist es ein genialer Einfall, für die anderen Teufelszeug: Der Europäische Währungsfonds EWF. Selten ist eine Institution so schnell und so wenig überdacht aus dem Nichts hochgejubelt worden. Nach dem was bisher bekannt ist soll er a)in Bedrängnis geratenen Schuldnerstaaten Liquiditätshilfen geben; b)parallel dazu den Regierungen Auflagen zu ihrer Wirtschaftspolitik machen; c)das bisherige "bail out"-Verbot aufheben, das heißt die Regel, dass weder die EU noch ein einzelnes Mitgliedsland für die Verbindlichkeiten eines anderen Mitgliedsstaates einstehen darf (Art. 125 Lissabon Vertrag); d)den Mitgliedern verbieten, sich in Schwierigkeiten an den Internationalen Währungsfonds zu wenden; und schließlich e)im Ernstfall auch die Möglichkeit haben, ein Land aus der Währungsunion auszuschließen oder es zum Austritt zu drängen.
Vorbild dafür ist der Internationale Währungsfonds in Washington. Der EWF ist gewissermaßen ein "regionaler IWF". Interessant: Auch in einer anderen Ecke der Welt wird gerade über so etwas nachgedacht: Die sogenannte Chiang Mai Initiative bestehend aus China, Japan, Korea und den ASEAN-Ländern in Südostasien ist ebenfalls eine Art "regionaler IWF".
Ist das die Lösung der Probleme? Ich meine, nein. Ein EWF hat zwar gewisse positive Elemente. Er hat aber noch größere Nachteile. Vor allem aber: Er wird nicht gebraucht.
Zu den einzelnen Argumenten:
a) Der Fonds kann Ländern, die sich in Schwierigkeiten befinden, mit Geld aushelfen: Das ist nicht erforderlich. Wenn die Griechenland-Krise eines gezeigt hat, dann war es: An Geld fehlt es nicht. In Griechenland gab es kein Marktversagen. Im Gegenteil, die Märkte haben fast lehrbuchartig funktioniert. Wenn die Bedingungen stimmen, bekommt ein Schuldner so viel Geld, wie er braucht. Diese Bedingungen sind erstens, dass der Schuldner sein Haus in Ordnung bringt. Nur auf diese Weise kann er den Investoren glaubhaft machen, dass sie ihr Geld am Ende auch wieder zurückbekommen. Zweitens müssen die Renditen so hoch sein, dass sie ein angemessenes Entgelt für die Risiken enthalten. Ein Tag, nachdem Athen diese Bedingungen erfüllt hatte, konnte es am Markt eine Anleihe in Höhe von 5 Milliarden Euro erfolgreich platzieren. Im Übrigen gibt es in der Union eine Reihe von Töpfen, aus denen Mitglieder Geld erhalten können: Die Europäische Investitionsbank, den Kohäsionsfonds etc.
b) Der EWF kann Ländern in Schwierigkeiten Vorschriften für ihre Wirtschafts- und Fiskalpolitik machen und sie so wieder auf den Pfad der Tugend zurückführen: Das ist ein wichtiger Vorteil. Bisher waren die Empfehlungen des Ecofin-Rats an einzelne Länder immer recht vage. Wenn man sie schärfen könnte, sollte man es tun. Das wäre auch ein Schritt in Richtung auf eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik parallel zur gemeinsamen Geldpolitik. Freilich ist zu fragen, ob man zur Schärfung der Auflagen wirklich eine neue Institution braucht. Beim Internationalen Währungsfonds ist das anders. Er kann einem Land nur dann Vorschriften machen, wenn er ihm auch Geld in Aussicht stellt. In der Eurozone braucht man eine solche "Karotte" aber nicht. Da hat man die Regeln der Gemeinschaft, denen sich jeder mit der Mitgliedschaft unterworfen hat.
c) Das bisherige "bail out"-Verbot wird aufgehoben: Das ist ein klarer Sündenfall. Ich erinnere mich noch, wie umstritten die Vorschrift bei der Vorbereitung auf die Währungsunion in den 90er Jahren war. Damals haben auf deutscher Seite vor allem Finanzminister Theo Waigel und sein damaliger Staatssekretär Jürgen Stark, der heutige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, mit großer Leidenschaft dafür gekämpft. Das "bail out"-Verbot war einer der Eckpfeiler einer strengen Haushaltsdisziplin und die Grundlage der Stabilität des Euro. Weil sie nicht darauf vertrauen können, dass ihnen in schwierigen Zeiten geholfen wird, sind die Staaten gezwungen, ihre Budgets in Ordnung zu halten. In der Terminologie der ökonomischen Theorie: Das "bail out"-Verbot verhindert "moral hazard". Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Euro damals ohne das "bail out"-Verbot zustande gekommen wäre.
d) Das Gebot, dass sich Mitglieder der Eurozone in Krisen nicht an den IWF wenden dürfen: Das ist aus der Sicht der einzelnen Regierungen verständlich. Man will unterbinden, dass ein Mitglied pokert und den IWF gegen den EWF ausspielt. Zudem will man verhindern, dass Institutionen außerhalb der Eurozone über die Politik der Gemeinschaft mitbestimmen. Das ist vor allem gegen die Amerikaner gerichtet. Andererseits ist hier auch viel Prestigedenken im Spiel. Die Eurozone zerbricht nicht und wird nicht handlungsunfähig, wenn der IWF einem einzelnen Land Stabilitätsvorschriften macht. Wenn ich den Schaden abwägen sollte, der aus einer Zusammenarbeit mit dem IWF entsteht, gegen den Schaden, der sich aus einer Aufweichung "bail out"-Verbots ergibt, dann ist mir das "bail out"-Verbot eindeutig wichtiger.
e) Zur Möglichkeit, ein Land aus der Währungsunion auszuschließen oder es dazu zu drängen, selbst auszutreten: Das klingt auf den ersten Blick plausibel. Wer die Regeln der Gemeinschaft nicht einhalten will, soll ihr auch nicht angehören. Aber eine solche Vorschrift ist gefährlich. Sie treibt einen Keil zwischen die Mitglieder. Das macht die Währungsunion anfällig für Spekulationsattacken. Wenn nämlich der Markt den Eindruck hat, dass ein Land vielleicht ausgeschlossen werden könnte, setzt es dieses Land solange unter Druck, bis das dann auch wirklich passiert. Und wenn ein Land ausscheidet, dann kann der Markt auch andere Mitgliedsländer "hinaus kicken". Eine Währungsunion ist nur dann unangreifbar wenn niemand die Länder auseinanderdividieren kann. Das ist ein wichtiges Prinzip.
Alles zusammen genommen: Ein EWF würde das Stabilitätsversprechen hinter dem Euro aufweichen. Der Euro als das derzeit wichtigste Bindeglied der Europäischen Integration verlöre bei den Bürgern an Attraktivität. International würde er an Standing einbüßen. Auf den Devisenmärkten würde er eher schwächer.
Für den Anleger
Beobachten Sie die Situation. Wenn sich zeigen sollte, dass der EWF wirklich kommt, wird das nicht nur den Euro auf den Devisenmärkten tangieren. Es hätte auch negative Wirkungen auf die europäischen Aktien- und Rentenmärkte, die bekanntlich sehr stark von der Auslandsnachfrage abhängig sind. Das wiegt langfristiger und stärker als die Tatsache, dass ein schwächerer Euro kurzfristig vielleicht dem Export hilft.
© 12. März 2010 / Martin Hüfner
Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon Asset Management S.A. Er war viele Jahre Chefvolkswirt beziehungsweise Senior Economist bei der HypoVereinsbank und der Deutschen Bank. In Brüssel leitete er den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung. Hüfner schreibt für große internationale Zeitungen wie die Neue Züricher Zeitung oder die Schweizer Finanz und Wirtschaft sowie für große Zeitungen in Deutschland. Er ist Autor mehrerer Bücher, u. a. "Europa – Die Macht von Morgen" und "Comeback für Deutschland".
Vorbild dafür ist der Internationale Währungsfonds in Washington. Der EWF ist gewissermaßen ein "regionaler IWF". Interessant: Auch in einer anderen Ecke der Welt wird gerade über so etwas nachgedacht: Die sogenannte Chiang Mai Initiative bestehend aus China, Japan, Korea und den ASEAN-Ländern in Südostasien ist ebenfalls eine Art "regionaler IWF".
Ist das die Lösung der Probleme? Ich meine, nein. Ein EWF hat zwar gewisse positive Elemente. Er hat aber noch größere Nachteile. Vor allem aber: Er wird nicht gebraucht.
Zu den einzelnen Argumenten:
a) Der Fonds kann Ländern, die sich in Schwierigkeiten befinden, mit Geld aushelfen: Das ist nicht erforderlich. Wenn die Griechenland-Krise eines gezeigt hat, dann war es: An Geld fehlt es nicht. In Griechenland gab es kein Marktversagen. Im Gegenteil, die Märkte haben fast lehrbuchartig funktioniert. Wenn die Bedingungen stimmen, bekommt ein Schuldner so viel Geld, wie er braucht. Diese Bedingungen sind erstens, dass der Schuldner sein Haus in Ordnung bringt. Nur auf diese Weise kann er den Investoren glaubhaft machen, dass sie ihr Geld am Ende auch wieder zurückbekommen. Zweitens müssen die Renditen so hoch sein, dass sie ein angemessenes Entgelt für die Risiken enthalten. Ein Tag, nachdem Athen diese Bedingungen erfüllt hatte, konnte es am Markt eine Anleihe in Höhe von 5 Milliarden Euro erfolgreich platzieren. Im Übrigen gibt es in der Union eine Reihe von Töpfen, aus denen Mitglieder Geld erhalten können: Die Europäische Investitionsbank, den Kohäsionsfonds etc.
b) Der EWF kann Ländern in Schwierigkeiten Vorschriften für ihre Wirtschafts- und Fiskalpolitik machen und sie so wieder auf den Pfad der Tugend zurückführen: Das ist ein wichtiger Vorteil. Bisher waren die Empfehlungen des Ecofin-Rats an einzelne Länder immer recht vage. Wenn man sie schärfen könnte, sollte man es tun. Das wäre auch ein Schritt in Richtung auf eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik parallel zur gemeinsamen Geldpolitik. Freilich ist zu fragen, ob man zur Schärfung der Auflagen wirklich eine neue Institution braucht. Beim Internationalen Währungsfonds ist das anders. Er kann einem Land nur dann Vorschriften machen, wenn er ihm auch Geld in Aussicht stellt. In der Eurozone braucht man eine solche "Karotte" aber nicht. Da hat man die Regeln der Gemeinschaft, denen sich jeder mit der Mitgliedschaft unterworfen hat.
c) Das bisherige "bail out"-Verbot wird aufgehoben: Das ist ein klarer Sündenfall. Ich erinnere mich noch, wie umstritten die Vorschrift bei der Vorbereitung auf die Währungsunion in den 90er Jahren war. Damals haben auf deutscher Seite vor allem Finanzminister Theo Waigel und sein damaliger Staatssekretär Jürgen Stark, der heutige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, mit großer Leidenschaft dafür gekämpft. Das "bail out"-Verbot war einer der Eckpfeiler einer strengen Haushaltsdisziplin und die Grundlage der Stabilität des Euro. Weil sie nicht darauf vertrauen können, dass ihnen in schwierigen Zeiten geholfen wird, sind die Staaten gezwungen, ihre Budgets in Ordnung zu halten. In der Terminologie der ökonomischen Theorie: Das "bail out"-Verbot verhindert "moral hazard". Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Euro damals ohne das "bail out"-Verbot zustande gekommen wäre.
d) Das Gebot, dass sich Mitglieder der Eurozone in Krisen nicht an den IWF wenden dürfen: Das ist aus der Sicht der einzelnen Regierungen verständlich. Man will unterbinden, dass ein Mitglied pokert und den IWF gegen den EWF ausspielt. Zudem will man verhindern, dass Institutionen außerhalb der Eurozone über die Politik der Gemeinschaft mitbestimmen. Das ist vor allem gegen die Amerikaner gerichtet. Andererseits ist hier auch viel Prestigedenken im Spiel. Die Eurozone zerbricht nicht und wird nicht handlungsunfähig, wenn der IWF einem einzelnen Land Stabilitätsvorschriften macht. Wenn ich den Schaden abwägen sollte, der aus einer Zusammenarbeit mit dem IWF entsteht, gegen den Schaden, der sich aus einer Aufweichung "bail out"-Verbots ergibt, dann ist mir das "bail out"-Verbot eindeutig wichtiger.
e) Zur Möglichkeit, ein Land aus der Währungsunion auszuschließen oder es dazu zu drängen, selbst auszutreten: Das klingt auf den ersten Blick plausibel. Wer die Regeln der Gemeinschaft nicht einhalten will, soll ihr auch nicht angehören. Aber eine solche Vorschrift ist gefährlich. Sie treibt einen Keil zwischen die Mitglieder. Das macht die Währungsunion anfällig für Spekulationsattacken. Wenn nämlich der Markt den Eindruck hat, dass ein Land vielleicht ausgeschlossen werden könnte, setzt es dieses Land solange unter Druck, bis das dann auch wirklich passiert. Und wenn ein Land ausscheidet, dann kann der Markt auch andere Mitgliedsländer "hinaus kicken". Eine Währungsunion ist nur dann unangreifbar wenn niemand die Länder auseinanderdividieren kann. Das ist ein wichtiges Prinzip.
Alles zusammen genommen: Ein EWF würde das Stabilitätsversprechen hinter dem Euro aufweichen. Der Euro als das derzeit wichtigste Bindeglied der Europäischen Integration verlöre bei den Bürgern an Attraktivität. International würde er an Standing einbüßen. Auf den Devisenmärkten würde er eher schwächer.
Für den Anleger
Beobachten Sie die Situation. Wenn sich zeigen sollte, dass der EWF wirklich kommt, wird das nicht nur den Euro auf den Devisenmärkten tangieren. Es hätte auch negative Wirkungen auf die europäischen Aktien- und Rentenmärkte, die bekanntlich sehr stark von der Auslandsnachfrage abhängig sind. Das wiegt langfristiger und stärker als die Tatsache, dass ein schwächerer Euro kurzfristig vielleicht dem Export hilft.
© 12. März 2010 / Martin Hüfner
Dr. Martin W. Hüfner ist Chief Economist bei Assenagon Asset Management S.A. Er war viele Jahre Chefvolkswirt beziehungsweise Senior Economist bei der HypoVereinsbank und der Deutschen Bank. In Brüssel leitete er den renommierten Wirtschafts- und Währungsausschuss der Chefvolkswirte der Europäischen Bankenvereinigung. Hüfner schreibt für große internationale Zeitungen wie die Neue Züricher Zeitung oder die Schweizer Finanz und Wirtschaft sowie für große Zeitungen in Deutschland. Er ist Autor mehrerer Bücher, u. a. "Europa – Die Macht von Morgen" und "Comeback für Deutschland".

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